Wie entsteht ein Sachbuch?

Während sie im NetGalley Sachbuch-Frühling bereits ausgiebig Sachliteratur lesen und rezensieren, gehen wir heute einen Schritt zurück. Was passiert, BEVOR wir ein fertiges Sachbuch in den Händen halten (oder auf unseren E-Reader laden) und lesen können? Wie stoßen Lektor*innen auf interessante neue Themen für ihr Programm? Was gehört zum Lektorat eines Sachbuchs außer dem Redigieren des Textes noch hinzu? Patrick Oelze und Simon Biallowons vom Herder Verlag gewähren uns spannende Einblicke in den Entstehungsprozess ihrer Sachbücher. Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen!

Wie entsteht ein Sachbuch, Patrick Oelze?

Patrick Oelze ist Programmleiter des Bereichs „Politik & Geschichte“ im Herder Verlag.

Patrick Oelze

Es gibt ganz unterschiedliche Wege, wie ein Buch und ein Verlag zusammenfinden. Manchmal dauert es Jahre, manchmal geht es ganz schnell. Das eine Mal suchen sich Lektor oder Lektorin zu einer Idee die passende Feder, das andere Mal wird ihnen ein Manuskript nahezu druckfertig auf den Schreibtisch gelegt. Meistens liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen.

Die Buchmessen spielen bei alldem als Vermittlungsinstanz noch immer eine (wenn auch nicht mehr die) Rolle. Und sie funktionieren für Lektor*innen und Programmacher*innen in etwa so wie Speed-Dating: In Halbstundentakt trifft man Agent*innen, Autor*innen, Verlagskolleg*innen etc. Alle preisen ihre Ideen, Manuskripte, Bücher an und es gilt, gleichzeitig begeisterungsfähig und skeptisch zu bleiben, was nach drei Tagen unter einem Dauerfeuer von Adjektiven wie „einzigartig“, „bewegend“, „unglaublich“ nicht ganz einfach ist. Wenn man Glück hat, hört man in diesem Mahlstrom eine Idee oder überfliegt eine Textprobe und denkt: Davon will ich mehr lesen, das wollen auch andere lesen!

So ging es mir mit einem Tagebuch, dem ich zum ersten Mal auf der Frankfurter Buchmesse im Herbst 2018 begegnet bin. Werner von Kieckebusch – schon der Name des Autors hatte es mir angetan. Er klang erfunden, wie eine etwas altmodische Romanfigur. Und die Umstände der Entstehung wie auch der Entdeckung dieses Tagebuchs klingen bereits wie ein Roman! Kieckebusch, zu diesem Zeitpunkt Ende 50, beschreibt seine Erlebnisse in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs und in der unmittelbaren Nachkriegszeit in seiner Heimatstadt Potsdam. Er beobachtet, was der ständige Hunger, die fortdauernde Unsicherheit und die alltägliche Gewalt mit ihm und seinen Mitmenschen machen. Er beschreibt, wie die nationalsozialistische Ideologie moralisch völlig verunsicherte und verarmte Menschen zurücklässt. Und wie mit der aufkommenden kommunistischen Diktatur erneut die Hoffnungen auf ein besseres Leben verraten werden. Kieckebusch klagt nicht, er beschreibt mit Witz, Herzenswärme und großem Sinn für unfreiwillige Komik. So ist einem bei der Lektüre oft gleichzeitig zum Heulen und Zum Lachen zumute.

Kieckebusch hat einen guten Grund, das alles aufzuschreiben. Er dokumentiert seine Erlebnisse für seinen zweiten Sohn, Burkhard, in der Hoffnung, ihm davon bald persönlich berichten zu können. Der 19-jährige Burkhard ist kurz vor Kriegsende als Soldat in Kämpfe mit der Roten Armee verwickelt worden und wird seitdem vermisst. Kieckebusch fürchtet, dass Burkhard das Schicksal seines älteren Bruders Hubertus teilt, der, 1942 mit 18 Jahren in Russland gefallen war. Als Leser weiß man bereits, dass Burkhard, ebenfalls gefallen, nie zurückkehren wird. Kieckebusch kämpft mit seinem Tagebuch auch gegen diese Gewissheit.

Jahrzehntelang blieb das Tagebuch in Familienbesitz, ohne dass jemand auf die Idee gekommen wäre, es zu veröffentlichen. Es wurde von Generation zu Generation weitergereicht. Fast ein Dreivierteljahrhundert nach seiner Entstehung las es Kieckebuschs Urenkelin, die, völlig begeistert, ihren Mann davon berichtete: Das musst du lesen. Dieser Mann, der Journalist Jörg Bremer, sorgte als Herausgeber dafür, dass wir heute Werner von Kieckebusch über die Schulter schauen und in die Atmosphäre seiner Zeit eintauchen können.

Der Homeoffice-Schreibtisch von Patrick Oelze

Zwischen dem ersten Lesen und dem Erscheinen passierte noch viel: Die Verlagskolleg*innen aus Vertrieb, Marketing und Presse mussten von dem Projekt überzeugt werden. Ohne sie geht gar nichts. Wenn es dem Lektor noch nicht einmal gelingt, sie, die ihm üblicherweise wohlgesonnen sind, von einem Buch zu begeistern, wieso soll das dann später mit Buchhändler*innen und Leser*innen klappen? Eine Verlagskalkulation musste angefertigt werden, die zeigt, dass sich das Buch bei dem zu erwartenden Verkauf, mit dem angestrebten Ladenpreis und der gewünschten Ausstattung rechnet. Cover und Titel wurden festgelegt, oft die erste harte Belastungsprobe für die Beziehung zwischen Autor und Verlag.

Und dann mussten Herausgeber und Lektor die über 660 eng mit Schreibmaschine auf dünnem Papier geschriebenen Tagebuch-Seiten zu einem Buch von lesbarem Umfang verknappen, Schreibweisen vereinheitlichen, Fehler korrigieren – eine Sisyphos-Arbeit. Bilder wurden aus dem Kieckebusch-Familienarchiv ausgewählt, zugeordnet und beschriftet; eine Karte Potsdams 1945/46 wurde eigens gezeichnet; ein Register der im Text vorkommenden Personen und Orte erstellt; eine kurze Chronologie der historischen Großereignisse in Deutschland 1945/46 angelegt. Alle diese Hilfsmittel gehören zu einem guten Sachbuch dazu, weil sie den Leser*innen helfen, den Text zu erschließen und zu verstehen.

Wie also entsteht ein Sachbuch? Es braucht Begeisterung, Beharrlichkeit und akribische Kleinarbeit. Aber vor allem braucht es einen Text, bei dem nicht nur der Lektor, sondern möglichst viele Menschen denken und sagen: Das will ich lesen, das musst du lesen!

Das Rote Haus des Herder Verlags in Freiburg

Wie entsteht ein Sachbuch, Simon Biallowons?

Simon Biallowons

Simon Biallowons ist Programmleiter der Bereiche „Religion & Spiritualität“ und „Psychologie & Lebensgestaltung“ im Herder Verlag.

1. Aspekt: Wir haben in den letzten Jahren das religiöse Programm deutlich verändert und sind auch im Bereich „Psychologie & Lebensgestaltung“ dabei. Beide Bereiche eint der Anspruch, Menschen auf ihrem Weg durch das ganze Leben zu begleiten. Wenn ich daher davon spreche, dass wir das Programm verjüngen wollen, bedeutet das gerade nicht, dass wir nicht weiter mit großer Sensibilität und Freude auch auf die Bedürfnisse älterer Leser achten.

2. Aspekt: Im Bereich „Psychologie & Lebensgestaltung“ versuchen wir wieder verstärkt ein Profil mit Autor*innen aufzubauen, das unserer Verlags-Tradition entspricht: Das bedeutet, existenzielle Themen aufzugreifen, mit hoher Kompetenz, Seriosität und Sensibilität, in der Psychologie wie auch sehr oft im Zwischenbereich Spiritualität-Psychologie. Wir suchen Autor*innen, die in diesem positiven und doppelten Sinne „Grenzgänger“ sind. Es geht um Lebensgestaltung und vor allem um Lebensbegleitung. Ein Paradebeispiel dafür ist das Quarantäne-Buch von Anselm Grün, das schnell, kompetent und sensibel auf eine hochaktuelle Situation reagiert.

3. Aspekt: Im religiösen Bereich versuchen wir unsere Marktführerschaft und Debattenhoheit auszubauen. Die sich immer stärker ausdifferenzierende religiöse Lebenswelt ist dabei eine Herausforderung und wunderbare Chance. Es gibt hier so viel Dynamik, das ist aus Sicht des Programmmachers und Lektors herrlich! Ein Akzent dabei: Das Programm ist messbar „jünger“ geworden, thematisch und in Bezug auf den Altersschnitt der Autoren. Dabei ist uns wichtig, mehr Autorinnen zu publizieren, nicht nur in Bezug auf spirituelle Themen, sondern auch mit Debatten-Sachbüchern. Unser Debatten-Ton soll weiblicher klingen!

Eingang des Standorts München des Herder Verlags

4. Aspekt: Generell: Der Begriff des „Verlags-Programms“ verändert sich. Es wird zunehmend kein „Programm“ mehr eingekauft, besonders nicht bei den größeren Buchhändlern, sondern Einzelthemen- und -titel sowie vor allem (große, bekannte) Namen. Was wir im Verlag als „rundes, stimmiges Programm“ empfinden, ist oft eine reine Insidersicht und wird immer weniger wahrgenommen, schon gar nicht vom Endkunden/ Leser. Manchmal, und da muss man ehrlich mit sich sein, ist es schlichtweg eine Ausrede, um noch einen Titel mehr mitzunehmen. Das versuchen wir zu vermeiden. Das bedeutet, dass einerseits der Begriff des „Programmmachers“ anders akzentuiert ist, als das vielleicht noch vor wenigen Jahres der Fall war. Und dass andererseits die Frage danach, was ein „gutes Programm“ ausmacht, oder danach, was „Qualität“ ist, immer wieder neu überprüft und beantwortet werden muss.

Sie suchen noch mehr Sachbuch-Inspiration? Hier finden Sie alle Beiträge des NetGalley Sachbuch-Frühlings.

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